Rumäniens Metropole: Bukarest


Bei der Wahl des Fotos, das Rumäniens Hauptstadt hier an erster Stelle repräsentieren soll, habe ich lange überlegt. So viele Motive wären dafür infrage gekommen, denn Bukarest ist genau das - facettenreich.

 

Fallen einem zu anderen europäischen Hauptstädten sofort ihre typischen Wahrzeichen ein, weil sie seit Jahrzehnten von der Tourismusbranche werbewirksam in Szene gesetzt werden, so muss man Bukarests Schönheiten selbst entdecken. Freudenstadt - wie Bukarest wörtlich übersetzt heißt - wirft sich einem nicht marktschreierisch an den Hals. Sie tritt bescheiden auf, wie die meisten Bewohner dieses Landes. Das macht sie umso interessanter.

 

Das Rumänische Athenäum - Ateneul Roman

Letztendlich habe ich mich für das rumänische Athenäum (Ateneul Roman) entschieden - die Konzerthalle Bukarests mit fast 800 Plätzen und Sitz der Staatsphilharmonie George Enescu, des ältesten Sinfonieorchesters Rumäniens.

 

Warum? Weil es für mich auf ehrwürdige und elegante Weise die Geschichte und Besonderheiten Rumäniens ausdrückt:

  • Die klassischen Säulen symbolisieren für mich das antike Erbe Rumäniens.
  • Die Fürstengalerie im Säulengang mit ihren runden Mosaiken erinnert in ihrer Farbigkeit auf goldenem Hintergrund an die Ikonenkunst der rumänisch-orthodoxen Kirchen.
  • Das Harfensymbol in den Fenstern der Kuppel weist auf die Junimea, eine bedeutende literarische Gesellschaft im 19. Jahrhundert, hin, welche Rumäniens Kultur maßgeblich formte und förderte und somit erstmals erweckte.
  • Der Nationaldichter Mihai Eminescu, der dem Vorübergehenden als Bronzestatue von seinem Podest aus anblickt, drückt in seinen Gedichten die rumänische Seele aus; sein ungewöhnlicher Werdegang, seine tiefen Einblicke in die Politik Rumäniens und sein tragisches Ende sind Thema in Band 6 der Nicolae-Saga.

Dies sind jedoch nur die äußeren Merkmale. Im Inneren gibt es noch viel mehr zu bestaunen - 

sowohl in den Vorräumen mit ihren Mosaikböden und gewendelten Treppen, als auch im Konzertsaal selbst.

 

Unterhalb der Kuppel sind auf einem 75 Meter langen Fries die wichtigsten Szenen - 25 an der Zahl - der rumänischen Geschichte dargestellt; von der Eroberung durch die Römer (106 n. Chr.) bis zu König Ferdinand I. (1927). Selbstverständlich ist auch Fürst Vlad III. (Tepes) dort verewigt, und zwar nicht nur weil er Bukarest 1459 zur Hauptstadt der Walachei ernannte.

Das Athenäum wurde, wie so viele Gebäude dieser Stadt, in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. von einem französischen Architekten entworfen und durchlief mehrere Wandlungen, bis es sein heutiges Aussehen erhielt.

 

Bukarester Straßenansichten

Seit jeher hatten die Bukarester ein Faible für alles Französische, was sich noch heute im Straßenbild wiederspiegelt. Und so gibt es auch hier einen Triumphbogen. Er wurde nach dem Rumänischen Unabhängigkeitskrieg (Russisch-Osmanischer Krieg von 1877/78) errichtet.

 

Nicht umsonst nannte man die rumänische Metropole einst "Klein-Paris". Bei einem Spaziergang durch das historische Viertel wird dies deutlich. Dazwischen mischen sich Gebäude im typisch rumänischen Stil, orthodoxe Kirchen sowie moderne Gebäude.

Der Mix macht das Besondere dieser Stadt aus und erzählt von der Geschichte des Landes.

 

Folgen Sie mir auf einen Altstadtbummel ...

Was ich an dieser Stadt so liebe:

  • die verwinkelten Gassen der Altstadt, in denen es so viel zu entdecken gibt
  • das viele Straßengrün und die großflächigen Parks
  • die prachtvollen Gebäude, die sich hinter Baumkronen verstecken
  • das Nebeneinander von alter und moderner Architektur
  • das aktive Nachtleben ohne Gedrängel und Gegröle
  • die vielen Kirchen, Museen und Gartenrestaurants
  • die Springbrunnen, Parkseen und die Dambovita (Fluss durch Bukarest)

Kloster Stavropoleos

Kloster Stavropoleus in Bukarest

Einer meiner Lieblingsorte in Bukarest ist das Kloster Stavropoleos. Dies scheint es auch für andere zu sein, denn selten sieht man es so menschenleer wie auf diesem Foto. Ein Glücksfall.

 

Eben noch mitten im Getümmel der Altstadtgassen, umgibt einen schlagartig Ruhe und Frieden beim Betreten der Klosterkirche oder des Atriums mit seiner wunderschönen Steinkunst. Es ist wie eine Oase, in der man sich sammeln und wieder zu Kräften kommt.

Komisch, Stavropoleos - das klingt ja so griechisch.

Genau. Das rumänisch-orthodoxe Kloster wurde 1724 von einem griechischen Mönch im Brancoveanu-Stil erbaut. Es ist eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler Bukarests.

 

Wieso von einem Griechen, fragen Sie sich? Weil seinerzeit der türkische Sultan Statthalter aus Konstaninopel, die dem griechischen Adel entstammten, in die Walachei schickte - quasi als "Aufpasser", denn das kleine Fürstentum Walachei stand unter der Oberherrschaft des osmanischen Reiches. Die neuen Statthalter kamen aus dem Stadtteil Fanar, man nannte sie daher Fanarioten. Damit begann einer der schlimmsten Kapitel in der Geschichte Rumäniens - nachzulesen in Band 5 der Nicolae-Saga.

 

Immerhin haben sie dieses Schmuckstück hinterlassen, das mitten im Lipscani-Viertel ganz in der Nähe der historischen Prachtstraße Calea Victoriei liegt, einer der ältesten Hauptstraßen Bukarests.

 

Der alte Fürstenhof und die älteste Kirche der Stadt

Im historischen Viertel der Stadt befindet sich der von Vlad Tepes gegründete Fürstenhof Curtea Veche, bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist: Mauer- und Säulenreste. Man ist allerdings bemüht, ihn - mit einem modernen Touch - wieder aufzubauen.

Seit 2019 ist er eine Baustelle und die Büste Vlad Tepes verhüllt. Hoffentlich kann ich bei meinem nächsten Besuch dear old Vlad wieder einen guten Tag wünschen. Denn das ist für gewöhnlich eines der ersten Dinge, die ich tue, wenn ich Bukarest besuche,

 

Gleich daneben steht die Hofkirche Biserica Curtea Veche. Die fast 480 Jahre alte Kirche ist das älteste erhaltene Bauwerk Bukarests, auch wenn man ihr das nicht ansieht. In ihr wurden bis 1842 alle Fürsten der Walachei geweiht. In Band 7 der Nicolae-Saga spielt sie eine ganz besondere Rolle, ebenso der gegenüberliegende Gasthof Hanu' lui Manuc.

Hanu' lui Manuc

Zum Komplex des alten Fürstenhofs gehörte damals auch das gegenüber der Hofkirche liegende Hanu' lui Manuc - eine ehemalige Karawanserei. Heute ist es ein großes Restaurant mit landestypischer Küche und am Wochenende auch mit traditioneller Musik.

 

Erbaut wurde der Han im Jahre 1808. Er verfügte über 15 Weinkeller, 23 Geschäfte und 107 Gästezimmer allein im ersten Stock.

 

Nachdem dreißig Jahre später ein Erdbeben den Gasthof stark zerstörte, wanderte es durch mehrere Hände, bevor es erst 1861 wieder vollständig aufgebaut und in ein Grand Hotel umgewandelt wurde. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

 

Abends ist hier jeder Platz besetzt; eine Tischreservierung - zumindest an den Sommerwochenenden - daher unbedingt empfehlenswert.

 

Parlamentspalast - Haus des Volkes

Nach so viel Historischem ist es an der Zeit, einen Kontrapunkt zu setzen und zwar mit dem berühmtesten Gebäude Bukarests: dem Parlamentspalast - Palatul Parlamentului.

 

Es ist das zweitgrößte Gebäude der Welt nach dem Pentagon und beherbergt neben der Abgeordnetenkammer und dem Senat u.a. ein internationales Konferenzzentrum sowie das Nationalmuseum für moderne Kunst. Auch lassen sich Räume für Feiern anmieten.

 

Der Palast schaut 86 Meter aus der Erde, ragt aber noch 92 Meter in die Tiefe!

 

Der ehemalige rumänische Staatspräsident Nicolae Ceausescu hatte in seiner Gigantomanie ganze Stadtteile plattmachen lassen, darunter viele historische Gebäude.

Kirchen wurden abgerissen, ein Kloster ist den Planierraupen in letzter Sekunde entgangen und wurde einige hundert Meter weiter versetzt, Mieter aus 40.000 Wohnungen wurden in  halbfertige Plattenbauten am Stadtrand zwangsumgesiedelt.

Dieser Wahnsinn findet in Band 7 der Nicolae-Saga Erwähnung.

 

Zum Glück hat man nach Ceausescus Tod entschieden, das Gebäude nicht abzureißen, sondern fertigzustellen. Denn es ist trotz der damit einhergegangenen Tragödien ein Schmuckstück. Im Zuckerbäckerstil nach den Plänen einer erst 26-jährigen Architektin erbaut, enthält es aus allen Teilen des Landes zusammengetragene Schätze.

 

Um eine Vorstellung von den absurden Ausmaßen zu bekommen, lasse ich Zahlen sprechen.

Für die luxuriöse Innenausstattung wurden:

  • 1 Million Kubikmeter Marmor aus Transsilvanien für Treppen, Böden und Wände
  • 3.500 Tonnen Kristallglas für Kronleuchter, Spiegel und Deckenleuchten und
  • 900.000 Kubikmeter Holz für Wand- und Deckenverkleidungen

verbaut. Das Ganze für:

  • 5.100 Räume, davon 3.000 Zimmer, 30 Konferenzsäle sowie Hallen und Flure
  • 200 Toiletten und
  • 480 Kronleuchter - um nur einiges zu nennen.

Und nun dürfen Sie sich selbst von der Pracht im Inneren überzeugen:

Das Dorfmuseum "Dimitrie Gusti"

Wer mehr als einen Tag in Bukarest zur Verfügung hat, sollte unbedingt das Dorfmuseum "Dimitrie Gusti" an der Kiseleff-Chaussee besuchen. Auf einer 14 ha großen, idyllisch an einem Parksee gelegenen Fläche kann man dem Dorfleben von anno dazumal nachspüren.

 

Hier sind aus allen Regionen des Landes Bauernhäuser sowie alles, was zu einem Dorf dazugehört wie Kirchen, Wegkreuze, Brunnen, Mühlen und mehr ausgestellt. Die Häuser wurden in ihrer jeweiligen Heimat ab- und im Bukarester Freilichtmuseum originalgetreu wieder aufgebaut.

Ihre Inneneinrichtung zeigt anschaulich das Leben und Wirken der Landbevölkerung. Vor jedem Exponat weist ein Schild auf die Region, die typischen Trachten und die dortigen Bräuche hin. Hier kann man also die Volkskunst des ganzen Landes bestaunen.

 

Das schöne Parkgelände mit vielen Bäumen lädt zum Schlendern, Schauen und Verweilen ein. In der heißen Jahreszeit findet man hier wohltuenden Schatten. Natürlich gibt es zur Erfrischung ein historisches Gasthaus - ein sogenannter Han - mit traditionellen Gerichten und gemütlicher Außenanlage. Dieser ist auch für Familienfeiern äußerst beliebt.

 

Zu meiner großen Freude habe ich hier auch die in Band 4 der Nicolae-Saga beschriebenen Erdhäuser aus Oltenia entdeckt. So konnte ich mir ein gutes Bild davon machen, wie Matilda und der kleine Calin mit ihrer Familie auf dem Obstgut gelebt haben. Unfassbar, wie viele Personen diese Häuser beherbergen konnten und auf wenig Raum alles untergebracht war.

Das Dorfmuseum ist eine gute Vorbereitung auf die Erkundung des restlichen Landes. Auf einer Rundreise kann man die typische Bauweise von Häusern, Kirchen, Toren und Zäunen in den jeweiligen Regionen wiederfinden.

 

Obwohl das Dorfleben in Rumänien wie überall auf dem Rückzug ist und etliche Dörfer verwaisen, ist man doch bemüht, dem "Rumänischen Dorf" - nicht nur in der Hauptstadt! - ein Denkmal zu setzen. Es gibt inzwischen etliche Projekte zur Unterstützung des Landlebens.

 

Erfreulicherweise hat bei der besser situierten jungen Generation inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Wer im Ausland studiert hat, weiß das Nationalerbe offenbar eher zu schätzen. So kehren bereits einige Bukarest den Rücken und bauen sich auf dem Lande eine Existenz auf. Auf meiner Recherchereise habe ich etliche vielversprechende Beispiele gefunden. Das lässt fürs sterbende Dorfleben hoffen!